WOLFGANG KESSLER
"Passenger" Malerei

Ausstellungsdauer: 10. April bis 28. Juni 2003

 

 

"I am the passenger and I ride and I ride

I ride through the city’s backside"

 

Diese ersten beiden Zeilen des Songs "Passenger" von Iggy Pop erzählen eine ganze Menge über unsere Methode der Weltaneignung und Versicherung von Realität. Denn beides geschieht inmitten eines Koordinatensystems, das sich aus den beiden Hauptkoordinaten der immer schnelleren Bewegung, d.h. Geschwindigkeit, und des Aufnehmens und Verarbeitens der Umwelt durch Bilder, durch Visualisierung also, zusammensetzt, wobei wir die Schwelle zur Virtualisierung bereits seit einiger Zeit überschritten haben.

 

Wolfgang Kessler schafft mit seinen Gemälden Metaphern für diese Art der Realitätsdefinition, Realitätsaneignung und Versicherung von Realität. Der Künstler selbst versteht sich nicht nur im übertragenen Sinne als "Passenger", als Reisender, sondern macht dieses Unterwegssein zum Fundament seiner künstlerischen Arbeit: Denn er findet die Motive seiner Bilder auf Bahnreisen an sich vorbeiziehen, photographiert sie mit seiner Kamera, um sie dann im Atelier in Malerei zu überführen. Zunächst könnte man meinen, er setzte die seit Goethes Italienreise popularisierte Bildungsreise nur mit enorm gesteigerter Geschwindigkeit im ICE fort. Allerdings, das, was er auf dieser Reise findet, unterscheidet sich stark von dem, was etwas Goethe gefunden hatte. Und das hängt unmittelbar mit den unterschiedlichen Gründen zusammen, warum man sich auf Reisen begab und begibt. Denn Kessler reist als Künstler nicht mehr, um an einem bestimmten Ziel anzukommen und dieses dann in Malerei umzusetzen – er reist um die Bewegung, die Geschwindigkeit, also letztlich die Reise, das Unterwegssein selbst ins Bild zu überführen und damit als Realität zu bestätigen - vielleicht auch überhaupt erst, um es für sich und für uns zur Realität werden zu lassen. Was er als Realität findet ist genau wie Iggy Pop "the city’s backside", oder erweitert gesagt "the landscape’s backside", die Rückseite der Umwelt also, die er "Zwischenraum" nennt. Nun kann die Aneignung dieser Realität durch Geschwindigkeit und Visualisierung beginnen, denn: "everything was made for you and me", singt Iggy Pop weiter in seinem Song.

 

Paradigmatisch für unsere Methode der Weltaneignung und –versicherung führt der Künstler Wolfgang Kessler als Bahnreisender die für uns typische Passivität und Distanz, die oft mit dem Begriff der Entfremdung gekennzeichnet wird, vor: Die Welt gleitet, aus seinem Abteil heraus betrachtet, auf der anderen Seite des Fensters vorbei – oder: Er wird, ohne sich selbst bewegen zu müssen, in einem Innenraum durch diese Außenwelt bewegt. Denn wir müssen uns heute nicht mehr selbst bewegen, um sogar mit großer Geschwindigkeit bewegt zu werden. Wir müssen die Welt nicht mehr begreifen oder abschreiten – im wörtlichen und übertragenen Sinne -, um viel von der Welt gesehen zu haben, denn Simultaneität und nicht mehr Chronologie sind Kennzeichen unseres Wirklichkeitsempfindens.

 

All diese grundsätzlichen Erfahrungen und Reflexionen fließen in die Gemälde des Künstlers ein, da er sich diesen im Entstehungsprozess der Bilder unmittelbar aussetzt. Als Ergebnis hängen vor uns Gemälde von intensiver Farbigkeit, die Bewegung teils noch recht gegenständlich-impressionistisch ins Bild setzen (die frühen Arbeiten aus dem Werkkomplex "Zwischenräume" 1998-2000), sich jedoch im Laufe der Zeit immer stärker zu horizontalen Farbstreifen der abstrahierenden Malerei verdichten. Auch die Entwicklung hin zu extremeren Querformaten verstärkt den Eindruck des Bildmotivs, als bestehend aus vorbeifließender Farbe. Als abstrakte, ruhende Konstante bleibt der weiße Farbblock im unteren Drittel des Bildes, der den Betrachter mit einem "Motiv" aus der konkreten Malerei daran erinnert, dass er gerade das Abbild (ein Gemälde) des Abbildes (einer Photographie) eines "Zwischenraumes" betrachtet.